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Impuls für Zwischendurch

Jeden Monat des Jahres 2022 teilen wir einen kurzer Gedankenimpuls.

Der Juli-Impuls ist von Jana Michler.

Wir sehen viel zu oft nur das, was wir gewohnt sind zu sehen. Viel zu oft nehmen wir das wahr, was wir schon immer wahrgenommen haben.

Aus Komm ich erzähl dir eine Geschichte von Jorge Bucay:

Als ich ein kleines Kind war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert. Am meisten gefielen mir natürlich die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan.'
Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine Größe und seine Kraft zur Schau.
Nach der Vorstellung allerdings und auch in der Zeit bis kurz vor seinem nächsten Auftritt blieb der Elefant immer mit einem Fuß an einen kleinen Pflock angekettet.

Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.
Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück? Warum macht er sich nicht auf und davon?

Als Sechs- oder Siebenjähriges Kind vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich eine Lehrerin, meinen Vater oder meinen Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Eine*r von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine nächste Frage lag auf der Hand: »Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?«
Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur noch selten dran.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.

Nun schließt die Augen und stellte euch den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich bin mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.
Ich stelle mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten … Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt.

Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann.
Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.
Und das Schlimme dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

Manchmal bewegen wir uns in unserer Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet. Wir glauben einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, weil wir vor langer Zeit mal an ihnen gescheitert sind. Doch ähnlich wie der Elefant wachsen wir! Der einzige Weg herauszufinden, ob wir etwas wirklich können, ist es auszuprobieren, und zwar mit vollem Einsatz und aus ganzem Herzen!
Lös dich von den Pflöcken, die dich nur augenscheinlich halten und geh deinen Weg! Mach dich auf!

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Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.


Johannes-Evangelium 6,37

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