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28.07.10 19:02

Nimm Dir Zeit - Erfahrungen auf einem inklusiven Segeltörn

Von: Dirk Loose

Nimm Dir Zeit

Von Dirk Loose

Mein erster Kontakt mit Dario liegt zwischen zwei Terminen, eingequetscht in die Hektik und Geschwindigkeit des Alltags. Da sitzen wir nun in der geräumigen Wohnung und sehen uns an. „Hallo Dario, wie geht´s? Du willst mit zum Segeltörn, was möchtest du wissen?“, frage ich den braunhaarigen, schlanken Jungen, der mir in einem Rollstuhl gegenüber sitzt.

Ich dachte, ich könnte alle anstehenden Informationen schnell geben und alles mal eben regeln. Doch das ist ein Trugschluss.

Dario reagiert nicht auf meine Fragen. Oder wenn überhaupt nur unmerklich mit einem minimalen Augenzucken. Ich schaue hilfesuchend seine Mutter an.

„Dario hat mit 13 Jahren einen Segelschein gemacht und liebt das Segeln“, erklärt sie. „Mit 15 hatte er einen schweren Motorradunfall und ist seit dem schwer mehrfachbehindert.“

Heute ist Dario 18 Jahre alt. Die vergangenen Jahre verbrachte er größtenteils in Reha- Maßnahmen und im Krankenhaus. Er kann nicht alleine stehen oder gehen und braucht bei allen Dingen des täglichen Lebens tatkräftige Hilfe. Aber er kann sich verständigen. Auf seine ganz eigene Weise. Dario spricht mit den Fingern. Mit Hilfe eines selbst entwickelten Fingeralphabets ähnlich dem, das man aus der Schule kennt, formuliert er seine Fragen. Langsam, aber geistreich.

Während ich so in dem Wohnzimmer sitze, wird mir klar, dass Dario eine riesige Herausforderung für mich wird. Mir schießen viele Fragen durch den Kopf: Können wir ihn mitnehmen? Wie soll er Kontakt aufbauen? Wer soll ihn pflegen? Können wir das leisten? Kann die Gruppe das aushalten? Ist das nicht zuviel? Wir haben auch Verantwortung für die anderen?

Aber dann erinnere ich mich, dass ich 1993 selbst einen schweren Motorradunfall in der Türkei hatte, den ich nur knapp ohne größere Behinderungen überlebt habe. Dafür danke ich Gott noch heute. Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich nicht ohne Grund an diesem Tag in diesem Wohnzimmer sitze und Dario kennenlerne.

Es ist meine Geschichte und Gott hat mich hierher geschickt. Mir ist klar, dass ich Dario mitnehmen muss– egal wie – wir müssen es ausprobieren.

Und so kommt es, dass wir gemeinsam mit 22 anderen Menschen segeln gehen.

Wir kümmern uns zu dritt um Dario. Alexander macht gerade ein freiwilliges Soziales Jahr bei der Evangelischen Jugend und nun erste Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen. Er ist offen und direkt und kommt leicht in Kontakt mit Dario. Philipp war schon einmal mit segeln und hat eine gute Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Beide sind ein Glücksgriff im Kontakt mit Dario, der uns von Anfang an fordert. Er hat Witz, ist aufgeschlossen, intelligent und will manchmal einfach nur plaudern. Das Problem ist nur, dass wir seine Fingersprache erst neu erlernen müssen und so buchstabieren wir uns durch den Tag. Was sich einfach anhört, ist unglaublich anstrengend, denn nicht immer erkennt man den Buchstaben, fängt neu an zu kombinieren, um am Ende dann zu vergessen, wie die ersten Buchstaben waren.

Doch Dario hat unglaubliche Geduld mit uns. Und er hat Zeit – viel Zeit. Immer wenn wir mal einen Treffer landen, streckt er langsam seinen linken Arm über den Kopf und hebt seine Faust zum Himmel- sein Siegeszeichen. Dazu formt er ein zufriedenes Lächeln, das alle sofort verstehen.

Alexander, Philipp und Dario und 20 andere sind mit der Evangelischen Jugend Dortmund auf einen einwöchigen inklusiven Segeltörn auf dem barrierefreien  Plattbodenschiff Lutgerdina gefahren. Die Evangelische Jugend bietet regelmäßig Törns für Menschen mit und ohne Behinderungen an. Mit dem Projekt Sail Together sollen Angebote zum integrativen Segeln auch auf dem Phönixsee in Dortmund entstehen www.ej-do.de.